ETH Learning Factory Zug: Bildung trifft auf Innovation
Zug überzeugt Unternehmen seit Jahren mit politischer Stabilität, guten Rahmenbedingungen, kurzen Wegen zu Kanton und Stadt sowie der Nähe zu Zürich und Luzern. Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb um Fachkräfte, der Nachwuchs fehlt immer stärker. Aus zahlreichen Gesprächen mit Unternehmen entstand deshalb die Idee, Lernende aus Zuger Betrieben mit Studierenden der ETH Zürich an realen Fragestellungen zusammenzubringen. Mit der ETH Learning Factory Zug soll ein europaweit einzigartiges Projekt entstehen, das Berufsbildung, Wissenschaft und Industrie verbindet. Stadtpräsident André Wicki erklärt, wie die Initiative entstanden ist, weshalb die ETH Zürich der richtige Partner ist und warum die Zusammenarbeit mit dem Kanton zentral bleibt.
André Wicki, wie ist die Idee zur ETH Learning Factory Zug entstanden?
Die Idee ist über Jahre in vielen Gesprächen mit Unternehmen gewachsen. Zug bietet politische Stabilität, gute Rahmenbedingungen, kurze Wege zu Kanton und Stadt sowie die Nähe zu Zürich und Luzern. Gleichzeitig wurde immer deutlicher: Der «war for talents» verschärft sich, der Nachwuchs fehlt zunehmend. Wenn wir den Standort langfristig stärken wollen, müssen wir gezielt in Fachkräfte, Innovation und Ausbildung investieren.
Wie sind Sie anschliessend vorgegangen?
Aus verschiedenen Inputs entstand der Ansatz, Lernende aus Unternehmen mit Studierenden der ETH Zürich zu verbinden, dies ist in dieser Form ein einmaliges Projekt in Europa. Die Firmen können konkrete Fälle aus ihrem Betrieb einbringen, beispielsweise für sechs Monate oder länger. Lernende und Studierende bearbeiten diese gemeinsam, verknüpfen Praxis und Forschung und entwickeln innovative Resultate. Die Unternehmen erhalten neue Sichtweisen auf reale Fragestellungen, während die jungen Menschen direkt an konkreten Herausforderungen lernen. Davon profitieren beide Seiten.
Wieso fiel die Wahl auf die ETH Zürich?
Eine eigene Universität zu gründen, wäre für eine Stadt wie Zug kaum realistisch. Zug verfügt jedoch nach wie vor über eine starke industrielle Basis mit Unternehmen wie V-ZUG, Bossard, Metall Zug oder Siemens, die hier entwickeln und produzieren. Diese Firmen müssen wir pflegen, denn sie tragen wesentlich zur Wertschöpfung und zur Identität des Standorts bei. Ich konnte mehrere von ihnen für die Idee gewinnen, weitere Partner kamen später dazu. Danach gelang es, auch den Präsidenten der ETH Zürich für das Vorhaben zu gewinnen. Auf dieser Basis wurden Konzept und Präsentationen für den Regierungsrat und die Unternehmen erarbeitet.
Was ist das Besondere an diesem Modell?
Es verbindet Hochschule, Berufsbildung und Wirtschaft sehr direkt. ETH-Studierende und Lernende aus Zuger Unternehmen arbeiten gemeinsam an realen Aufgaben, etwa zu Digitalisierung, nachhaltigen Systemen, Produktion oder Prototyping. Diese Co-Edukation ist besonders wertvoll, weil unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen: wissenschaftliche Methoden, praktische Erfahrung und unternehmerische Fragestellungen. So entstehen Lösungen nahe an den Bedürfnissen der Firmen. Gleichzeitig stärkt das Modell das duale Bildungssystem und fördert die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit dem Kanton?
Sie ist zentral. Eine Gemeinde kann keine Universität aufbauen; der Kanton hat andere Möglichkeiten und Zuständigkeiten. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit dem Kanton, insbesondere mit der Volkswirtschaftsdirektion, sehr wichtig. Stadt, Kanton, ETH und Unternehmen müssen gemeinsam vorangehen, damit ein Projekt dieser Grössenordnung langfristig Wirkung entfalten kann. Die Zusammenarbeit mit dem Kanton, mit dem gesamten Regierungsrat und insbesondere mit der Volkswirtschaftsdirektion ist dabei ausgezeichnet und ausgesprochen zielführend.
Welchen Nutzen hat die Zuger Wirtschaft konkret?
Unternehmen erhalten Zugang zu forschungsbasierten Ideen, jungen Talenten und neuen Formen der Zusammenarbeit. Auch KMU sollen konkrete Fragestellungen einbringen können und so von der Nähe zur ETH profitieren. Für die Region entsteht ein stärkerer Fachkräftepool und neue Technologien gelangen schneller in die Anwendung. Das ist wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts, insbesonders für Firmen, die in Zug produzieren, investieren und sich laufend weiterentwickeln müssen.
Wie geht es nun weiter?
Nun gilt es, die politischen und organisatorischen Grundlagen weiterzuführen und die Partner eng einzubinden. Entscheidend ist, dass Stadt, Kanton, ETH und Wirtschaft am gleichen Strick ziehen und die Rollen klar sind. Wenn die Unternehmen sich mit Fragestellungen, Know-how, Lernenden und Offenheit einbringen, kann die ETH Learning Factory ihre Wirkung entfalten: als gemeinsames Ökosystem von Praxis, Wissenschaft und Ausbildung zum Nutzen des Standorts Zug. Der Grosse Gemeinderat hat das Vorhaben einstimmig unterstützt, die erste Finanzierungstranche der Stadt Zug wurde bereits gesprochen. Der Kantonsrat hat den Beitrag am 27. August 2026 in einer ersten Lesung gutgeheissen. Die Schlussabstimmung findet nach der zweiten Lesung voraussichtlich diesen Herbst statt. Und in der Stadt Zug werden die Stimmberechtigten am 29. November 2026 über den Beitrag der Stadt befinden.
Weitere Informationen zur ETH Learning Factory Zug finden Sie unter dem folgenden Link.
ETH-Student Jago Iranyi aus Steinhausen demonstriert einen für das Unternehmen Bossard entwickelten Roboter, der Schrauben aussortiert.
Stadtpräsident André Wicki ist zuversichtlich, dass die Stimmberechtigten der Stadt Zug das Projekt befürworten werden.
