Schweizer Wettbewerbsfähigkeit ist kein Selbstläufer
Die Schweiz gehört zu den attraktivsten Wirtschaftsstandorten weltweit. Doch der internationale Wettbewerb um Unternehmen und Investitionen verschärft sich. Eine Analyse von McKinsey und der Swiss-American Chamber of Commerce zeigt, wo die Schweiz unter Druck gerät und weshalb auch der Wirtschaftsstandort Zug sein Erfolgsmodell kontinuierlich weiterentwickeln muss. Im Interview erläutern Alexander Klei und Rahul Sahgal, welche Standortfaktoren entscheidend sind und warum ein klares Bekenntnis zu Wachstum und Investitionen für den künftigen Wohlstand unerlässlich ist.
Sie haben untersucht, wie sich die Neuansiedlungen und Verlagerungen von Hauptsitzen multinationaler Unternehmen seit 2020 entwickelt haben. Wie schneidet die Schweiz im internationalen Vergleich ab?
Alexander Klei: Die gute Nachricht ist, dass die Schweiz weiterhin multinationale Unternehmen anzieht. Es ist ihr gelungen, bedeutende Forschungs- und Entwicklungsstandorte zu gewinnen, den Technologiesektor auszubauen und ihre starke Position in der zunehmend umkämpften Pharma- und Gesundheitsbranche weitgehend zu behaupten. Auch der Wirtschaftsstandort Zug verfügt über zahlreiche prominente Beispiele, von Life Sciences über Industrieunternehmen bis hin zu Finanzinstituten.
Gleichzeitig nimmt der internationale Wettbewerbsdruck deutlich zu. Standorte wie die USA, Singapur oder die Vereinigten Arabischen Emirate investieren gezielt in ihre Attraktivität und entwickeln sich zu ernsthaften Konkurrenten.
Welche Faktoren sind aus Sicht der befragten CEOs für die Standortattraktivität besonders entscheidend?
Rahul Sahgal: Im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn ist die Schweiz weiterhin gut positioniert. Insbesondere der Zugang zu qualifizierten Fachkräften, die hohe Innovationskraft und die politische und wirtschaftliche Stabilität sprechen für unseren Standort. Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheit sind dies wesentliche Stärken.
Allerdings stellen sieben von zehn befragten CEOs fest, dass sich die Schweiz gegenüber anderen globalen Wirtschaftsstandorten bei mindestens drei zentralen Standortfaktoren verschlechtert hat. Besonders häufig genannt werden die regulatorischen Rahmenbedingungen, die steuerliche Attraktivität sowie die Infrastruktur, einschliesslich der Energiekosten.
Die Schweizer Wirtschaft zeichnet sich durch eine hohe Produktivität und ein solides Wachstum aus. Weshalb ist ihre Wettbewerbsfähigkeit dennoch keine Selbstverständlichkeit mehr?
Alexander Klei: Multinationale Unternehmen sind für uns ein wichtiges Frühwarnsystem. Unser Wohlstand ist eng mit ihrer Präsenz und ihren Investitionen verbunden. Sie machen lediglich rund sechs Prozent der Unternehmen in der Schweiz aus, leisten jedoch einen überproportionalen Beitrag zur Wirtschaftsleistung, zum Steuersubstrat und zur Schaffung von Arbeitsplätzen.
Unternehmen, die substanziell zur Wertschöpfung beitragen, schaffen die Grundlage für nachhaltiges Wachstum, von dem die gesamte Gesellschaft profitiert. Wenn sich solche Unternehmen bei Investitionsentscheiden zunehmend für andere Standorte entscheiden, ist dies ein ernst zu nehmendes Signal für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz.
Solche Entwicklungen vollziehen sich meist schrittweise und werden deshalb nicht immer unmittelbar wahrgenommen. Die Schweiz muss ihr Erfolgsmodell nicht neu erfinden, sich aber konsequent auf jene Bereiche konzentrieren, die für ihre Wettbewerbsfähigkeit entscheidend sind.
Ihre Untersuchung zeigt auch, dass sich die gesellschaftliche Haltung gegenüber Wirtschaftswachstum und multinationalen Unternehmen verändert hat. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Rahul Sahgal: Es ist besorgniserregend, wenn Wirtschaftswachstum und die Präsenz multinationaler Unternehmen zunehmend vor allem mit Herausforderungen wie einer belasteten Infrastruktur oder steigenden Wohnkosten in Verbindung gebracht werden. Dabei gerät ihre zentrale Rolle als Motor für Wohlstand, Innovation und gesellschaftlichen Fortschritt in den Hintergrund.
Eine wichtige Erkenntnis unserer Untersuchung ist deshalb, dass gezielte Investitionen in Infrastruktur und Wohnraum notwendig sind, um wachstumsbedingte Herausforderungen zu entschärfen. Der Kanton Zug ist hierfür ein gutes Beispiel. Gleichzeitig braucht es wieder ein stärkeres gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass wirtschaftliches Wachstum und Fortschritt wesentliche Voraussetzungen für die langfristige Sicherung unseres Wohlstands sind.
Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf, und welche Empfehlungen geben Sie insbesondere dem Wirtschaftsstandort Zug mit auf den Weg?
Rahul Sahgal: Die Schweiz kann mit grösseren Volkswirtschaften weder hinsichtlich der Marktgrösse noch beim Umfang staatlicher Subventionen konkurrieren. Sie kann sich jedoch durch Leistungsfähigkeit, Geschwindigkeit und Verlässlichkeit auszeichnen. Diese Stärken gilt es gezielt zu nutzen und weiter auszubauen.
Dafür braucht es raschere Entscheidungsprozesse, attraktive Rahmenbedingungen und ein klares, konsequentes Bekenntnis zu wirtschaftlichem Wachstum. Denn ohne Wachstum wird es langfristig nicht möglich sein, unseren heutigen Wohlstand zu sichern.
Von zahlreichen CEOs hören wir, wie sehr sie den Wirtschaftsstandort Zug schätzen. Besonders hervorgehoben wird dabei die gute und konstruktive Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Behörden. Das ist ein bedeutender Standortvorteil, den es zu bewahren gilt. Gleichzeitig darf sich auch Zug nicht auf seinen bisherigen Erfolgen ausruhen. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit muss laufend gestärkt und weiterentwickelt werden.
Die Studie ist unter dem folgenden Link einsehbar.
Alexander Klei, Senior Partner bei McKinsey
Dr. Rahul Sahgal, CEO Swiss-American Chamber of Commerce (Swiss AmCham)
