“Die Kinder haben sofort eine Brücke gebaut”

von | 7. Juli 2022 | Sozialpolitik, Standort Zug

Vom ruhigen Paarhaushalt zur Gross-WG: Andreas Umbach, Präsident der Zuger Wirtschaftskammer, und seine Frau leben seit April mit fünf Geflüchteten aus der Ukraine unter einem Dach – Baby inklusive. Was er gerade dazulernt.

Herr Umbach, Sie beherbergen seit April fünf geflüchtete Personen aus der Ukraine zuhause. Wie ist dieser Entscheid gereift?
Meine Frau hat von vornhinein gesagt, wir sollten Geflüchtete aufnehmen. Ich selber musste mich zuerst ein paar Wochen an den Gedanken gewöhnen. Ich war etwas skeptisch.

Was waren Ihre Bedenken?
Solch ein Schritt ist ein markanter Eingriff in die Privatsphäre. Man muss bereit sein, eine Wohngemeinschaft einzugehen mit allen Rechten und Pflichten. So jedenfalls definieren wir es. Als ich schliesslich überzeugt war, fanden wir es wichtig, Einfluss darauf zu haben, wer bei uns wohnen würde.

Wie haben Sie das gemacht?
Wir sind über einen beruflichen Kontakt an unsere heutigen Mitbewohnerinnen gelangt, und spürten sehr schnell, dass es passen könnte.

Was war die grösste Umstellung im Haus?
Man muss sich in Toleranz üben. Natürlich kann man Regeln im Haus definieren. Aber das konkrete Zusammenleben fordert dann doch Flexibilität.

Wie findet man den richtigen Mix aus Nähe und Distanz?
Wir haben uns auf Distanz eingestellt und dann Nähe bekommen. Vor allem auch dank eines bald einjährigen Babys und seiner 8jährigen Schwester. Die Kinder haben sofort eine Brücke gebaut. Wir haben viel Freude an ihnen.

Und was haben Sie im Umgang mit den neuen Mitbewohnerinnen gelernt?
Dass das, was ihnen passiert ist, jedem jederzeit passieren könnte und wie gut, privilegiert und sicher wir in der Schweiz leben. Ausserdem, dass man sich immer verständigen kann, wenn ein Wille da ist.   

Viele Ukrainerinnen wollen arbeiten. Wie schätzen Sie als Wirtschaftsführer die Integrationschancen auf dem Arbeitsmarkt ein?
Das hängt stark vom Beruf und der Branche ab. Mein Eindruck ist aber, dass die meisten mental noch nicht vorbereitet sind auf einen Job hier in der Region. Sie sehen sich eher provisorisch bei uns.

Was hat sie bisher am meisten überrascht in Ihrer neuen WG?
Die Gemeinsamkeiten mit den Menschen aus der Ukraine sind grösser als ich dachte. In dem Land ist eine Mittelschicht entstanden, die unserer in Wohlstand und Werten sehr ähnlich ist. Obwohl ich beruflich viel rumgekommen bin, war ich noch nie in der Ukraine.

Ihr Ratschlag für potenzielle Gastfamilien?
Ein schlechtes Gewissen oder ein spontaner Wille zu helfen sollten nicht der Treiber für die Aufnahme von Flüchtlingen sein. Ebenso müssen die Platzverhältnisse stimmen und die familiäre Konstellation. Wären meine eigenen Kinder noch im Haus, wäre die Gefahr des Scheiterns sicher grösser gewesen. 

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