“Die Verantwortung für die eigene Weiterentwicklung liegt nicht nur bei den Angestellten”

by | 28. February 2022 | Bildung & Beschäftigung, Sozialpolitik, Standort Zug

Zug gehörte zu den Pilotkantonen des nationalen Projekts viamia, das der Altersgruppe ab 40 eine kostenlose berufliche Standortbestimmung bietet. Das Ziel der Idee: Berufstätige in dieser Altersgruppe sollen mittels Laufbahncheck dazu animiert werden, zu prüfen, ob sie im Arbeitsmarkt richtig positioniert sind. Nun wird das Projekt auf alle Kantone ausgeweitet. Urs Brütsch, Projektleiter und Chef des Amtes für Berufsberatung, zieht Bilanz.

 

Urs Brütsch, Leiter Amt für Berufsberatung Kanton Zug

Herr Brütsch, der Kanton Zug hat 100 Berufsberatungen für die über 40jährigen budgetiert, effektiv beansprucht wurden dann 220. Hat Sie die Nachfrage überrascht?

Ja, wir haben nicht damit gerechnet und sind entsprechend happy. Doch wir erreichen noch nicht alle Zielgruppen, die wir erreichen wollen.

Offenbar interessieren sich vor allem Menschen mit Tertiärabschluss für viamia. Genau die haben eine Beratung doch am wenigsten nötig?

Auch gut Ausgebildete sollten ihre Arbeitsmarktfähigkeit reflektieren. Doch wir wollen tatsächlich verstärkt Personen mit Berufsschulabschluss ansprechen, weil wir dort mehr Handlungsbedarf sehen. Beispielsweise im kaufmännischen Bereich, wo die Jobs rarer werden und ein Überangebot an InteressentInnen herrscht.

Warum braucht die Gruppe Ü40 überhaupt eine besondere Beratung?

Für diese Altersgruppe ist die Digitalisierung eine grössere Herausforderung, weil die Karriere noch lange dauert und sie unter Umständen noch eine Weiterbildung oder eine Umschulung machen muss, um fit zu bleiben fürs letzte Arbeitsdrittel. Es ist wichtig, dass dies erkannt wird, bevor es zu einem Arbeitsplatzverlust kommt.

Es waren vor allem Frauen, die den Laufbahncheck in Anspruch nahmen, nämlich 66 Prozent. Glauben Männer, sie hätten keine Beratung nötig?

Frauen sind sicher selbstkritischer. In Zug waren auch viele Wiedereinsteigerinnen am Angebot interessiert. Diese sind häufig unsicher, was ihre Arbeitsmarktfähigkeit betrifft, vor allem nach einer langen Mutterschaftspause. Hier können wir Orientierung schaffen und den Lebenslauf schärfen. Wiedereinsteigerinnen verkaufen sich tendenziell weniger gut oder setzen im CV falsche Akzente.

Kamen die viamia-Nutzer auf eigene Initiative oder informierten sie ihren Arbeitgeber über den Schritt?

Die meisten kamen ohne Wissen des Arbeitgebers. Sie befürchteten wohl, der Schritt in die Beratung könnte falsch verstanden werden von der Firma – im Sinne von Jobwechselgelüsten. Dabei muss das nicht zwingend so sein. Unser Ziel ist, in einer nächsten Phase die Unternehmen dazu zu bringen, uns vermehrt Mitarbeitende zu schicken. Das Angebot kostet die Firmen nichts und sie können wertvolle Erkenntnisse gewinnen über das Potenzial der Betroffenen oder allfällige Lücken.

Firmen reden gerne von “lebenslangem Lernen”. Delegieren sie das Thema Weiterentwicklung zuweilen nicht etwas einseitig an ihre Angestellten?

Bei den Grosskonzernen wird sehr viel getan. Bei den KMU sehen wir tatsächlich Defizite. Da läuft die Mitarbeiterentwicklung oft unter dem Radar. Dabei liegt die Verantwortung für die eigene Weiterentwicklung aber nicht nur bei den Angestellten.

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